Silvretta-Durchquerung 1. bis 4. April

Nachdem das Aostatal heuer mit ohne Schnee glänzt, wird umgeplant. Statt Italien – Silvretta. Statt Heliskiing – Skitouren. Was bleibt ist Lukas, als Bergführer. Mir taugts…

1. Tag Bielerhöhe – Dreiländerspitze – Jamtalhütte

Nach dem, im Winter üblichen Prozedere mit der Tafamuntbahn und dem Tunnelbus erreichen wir um 9:00 Uhr die Bielerhöhe und sind damit bereit, unsere Tourentage in der Silvretta zu beginnen.
Wir überqueren den Silvrettastausee, bevor wir links in Richtung Ochsental und Wiesbadenerhütte schwenken. Die Eisfläche hat hie und da ein paar Risse, aber nachdem der See derzeit offiziell für den „Verkehr“ freigegeben ist, wird er uns wohl tragen.

Ich bin kein Freund von langen, flachen Zustiegen und bis zum Ende des Ochsentals habe ich schön langsam das Gefühl, meine Fußsohlen würden bald in Rauch aufgehen…
Kurz vor der Hütte zweigen wir rechts ab, die weitere Route führt über den Vermuntgletscher zum Fuße der Dreiländerspitze.
Die flachen Passagen sind vorbei, endlich machen wir Höhe, die qualmenden Socken beruhigen sich wieder. So kann es weitergehen.

Der Aufstieg über den Vermuntgletscher ist unspektakulär und gutmütig, steil ist eigentlich nur der Gipfelhang. Skidepot – Harscheisen werden gegen Steigeisen getauscht, der Vorgipfel ist bald erreicht. Für das letzte Stück legt Lukas ein Seilgeländer, damit ist der doch etwas ausgesetzte Gipfel rasch erreicht. Uuuuuhhuuu! Die Dreiländerspitze steht schon lange auf dem Wunschzettel und eigentlich hab ich heute so gar nicht damit gerechnet, weil der Plan ursprünglich eigentlich ein anderer war.

Wir erwischen einen guten Zeitpunkt, haben den Berg mehr oder weniger für uns. Trotzdem müssen wir irgendwann weiter. Der Gipfelhang und die Querung zur oberen Ochsenscharte sind noch richtig gut, was dann folgt sieht bei dem einen durchwegs recht locker & lässig aus, bei den anderen – zumindest in einigen Passagen – eher nach einem Rodeo-Ritt. Etliche anstrengende Abfahrtshöhenmeter später erreichen wir nach etwas Firn, viel Bruch und reichlich Sulz die Jamtalhütte.

Was sich im Tal mit etwas diffuser Sicht und staubigen Autos bemerkbar macht, ist hier viel intensiver. Beige wechselt mit Weiß, der Saharastaubschnee ist nicht nur farblich anders, seine Konsistenz erinnert stark an Badesalz. Faszinierend. Irgendwie.

2. Tag Jamtalhütte, hintere Jamspitze, vordere Jamspitze, Ochsenscharte, Wiesbadenerhütte

Nach einer kurzen Abfahrt steigen wir über den Jamtalferner in Richtung Jamjoch auf. Das heutige Ziel heißt hintere und vordere Jamspitze. Gut 1.000 hm sind zu bewältigen, bevor wir die letzten Höhenmeter zu Fuß aufsteigen. Der Gipfel ist rege besucht, wir stellen fürs Foto an und verschwinden rasch wieder.
Im Telemarkstyle geht’s bergab, es rentiert sich nicht abzufellen, die vordere Jamspitze liegt nur einen (guten) Steinwurf entfernt.
Nachdem die Kohlenhydratespeicher aufgefüllt sind, machen wir uns an den nächsten Gipfel. Über eine steile Rinne geht’s im Schnee bergauf. Lukas ist nicht ganz zufrieden – die Haltung muss verbessert werden. Jaaaa, ich hab halt gerne die Nase im Schnee und den Hintern in der Luft ;b Dazu könnte ich wohl noch an der Handhabung des Pickels arbeiten… Hab ich schon erwähnt, dass ich nicht gerne vorwärts absteige? Dabei kann man nämlich ganz schlecht die Nase in den Schnee drücken!

Für die Abfahrt queren wir hinter die vordere Jamspitze, seilen ein paar Meter ab um dann mit viel Schwung in Richtung Ochsenscharte zu queren.

Während ich es mir samt Mitbewohner an einer windgeschützten Stelle gemütlich mache, haben Lukas und Kurt noch nicht genug. Zuerst in schweißtreibenden Spitzkehren, später mit den Ski am Rucksack geht’s über eine steile Schneerinne hinauf zum Ochsenkopf. Vielleicht kann man auf der anderen Seite abfahren…
Es wäre sicher eine gute Übung für meine Haltung in steilem Gelände gewesen!

Nachdem die beiden zwischen den Felsen verschwinden, halten wir in Richtung Wiesbadener Hütte. Der Schnee kann sich heute sehen lassen, wenn man sich an die braunen (Sand) Flecken hält, findet man meist recht brauchbaren Firn. Mit etwas Kartenkunde lassen wir den Tag auf der Hütte ausklingen.

3. Tag Wiesbadenerhütte – Piz Buin – Fuorcla dal Confin – Silvrettapass – Silvrettahütte

Wieder einmal sieht es in der Früh recht düster aus, wieder einmal hat es nicht gefroren.
Macht nix, wir zögern das Frühstück etwas in die Länge, andere tun es uns gleich. Irgendwie macht es fast den Eindruck, als ob viele abwarten was die Bergführer machen. Vielleicht sollten wir eine Runde große Bier bestellen und schauen was passiert 😉
Gegen halb 8 ziehen wir endgültig los. Die ersten Meter sind noch etwas ungemütlich, doch schon bald tun sich, zumindest in Richtung Bielerhöhe erste Wolkenlücken auf. Rasch lassen wir die grüne Furka hinter uns, entgegen der Allgemeinheit halten wir ganz links und queren unter dem Eis ganz oben, rechts hinaus. Klingt doch gut!?

Von der Wiesbadener aus gesehen, ist oben rechts ein klarer Fall um die Nase in den Schnee zu stecken. Eine Spitzkehre (an der steilsten Stelle) wird sich kaum vermeiden lassen. An sich überhaupt kein Problem, solange ich nicht beginne, darüber nachzudenken, denn dann kommt das Weichei in mir zum Vorschein… Innerlich wird bereits am Nachruf gefeilt und die Lieder ausgesucht 😉
Während ich – mit solch elementaren Dingen beschäftigt – hinter Lukas und meinem liebsten Mitbewohner her zottle, gibt’s an der Spitze eine Planänderung. Es ist wohl doch besser zu sichern. Rasch ist eine Eisschraube versenkt, das Seil schwebt herunter und wir stapfen Direttissima nach oben. Ohne Spitzkehre und selbstverständlich in perfekter Haltung. Königinnengleich. Das Weichei kann bleiben wo es ist.

Den oberen Teil des Ochsentaler Gletschers bis zur Buin Lücke gehen wir am Seil, dank der wilden Stimmung ist es recht kurzweilig. Während des Aufstiegs zum Gipfel hüllt sich Vorarlbergs Paradegipfel leider in Wolken, nur fürs Gipfelfoto reisst es für einen ganz, ganz kurzen Augenblick auf.
Passt!
Inzwischen hat der Wind böig aufgefrischt, die Pause an der Buinlücke fällt dementsprechend kurz aus, allerdings freuen wir uns schon jetzt auf nachmittägliches Schlemmen mit Kuchen & Kaffee. Für den Übergang in die Schweiz queren wir zur Fuorcla dal Cofin, es folgt die Abfahrt auf den La Cudera Gletscher und ein kurzer Wiederaufstieg zum Silvrettapass. Von nun an gehts bergab. Der Silvrettagletscher – Eine gefühlte Ewigkeit lang und in perfekter Neigung – wie geil muss es hier erst mit Powder sein!?

Raus aus den „Stinkstiefeln“ und rein in die gute Stube. Handgeschnitzte Stühle und viele wunderschöne, kleine Details prägen das Bild der Silvrettahütte. Die Zimmer sind urig, die Betten sogar mit Bettwäsche bezogen. Nicht einmal der Trockenraum müffelt hier (gut, nach der österr. Stinkstiefelattacke wahrscheinlich schon). Nur Kuchen…Kuchen gibt es hier leider keinen. Hääää?? Nein, es sind zuwenig Leute unterwegs, rentiert sich nicht. So werden in der Küche „Blätterteigchipfeli“ für uns gebastelt, diese sind zwar unheimlich lecker aber klitzeklein. Wir bestellen Nachschub, es wird wieder eine gute ¾ Stunde gerührt, gebastelt und gebacken. Eine dritte Bestellung wagen wir lieber nicht.

4. Tag Silvrettahütte – rote Furka – Klostertal – Bielerhöhe

Da für heute Sturm vorhergesagt wurde, lassen wir die Schneeglocke von vorneherein links (oder besser rechts) liegen. Wir halten in Richtung Silvrettagletscher, dann steil hinauf zur roten Furka, der Staatsgrenze und Verbindung ins Klostertal. Das Wetter ist besser als angekündigt, der Wind hält sich zumindest hier in Grenzen. Am Joch werden Seehorn und Großlitzner sichtbar, auch der Litznersattel der Übergang in Richtung Saarbrückener Hütte ist von hier teilweise erkennbar.
Die Abfahrt ins Klostertal ist recht gut, erst im Talboden bekommen wir die Auswirkungen der fehlenden nächtlichen Abstrahlung so richtig zu spüren. Mit einem Blick auf die östlich ausgerichteten Hänge wird schnell klar, dass hier und heute der geplante Aufstieg zum Litznersattel keine gute Idee ist. Was weit oben ganz klein anfängt, liegt nun mit recht beeindruckenden Ausmaßen im Klostertal.
Wir nehmen es locker, brausen durch den Sulz hinunter, skaten über den See und setzen uns auf der Sonnenterasse des Hotel Piz Buin zur Ruhe.

Super wars 🙂